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Post von MADASOLEIL

Heute erreichte mich eine Rund-Mail von der eloquenten Elfi Littmann aus Mahajunga, Madagaskar.

Elfi ist Video-Spezialistin und von Hamburg nach Madagaskar ausgewandert. Im heissen Mahajunga hält sie als deutsche Unternehmerin die Stellung, was in dieser frankophonen Welt schon schwer genug ist. Daher stelle ich ihren Brief hier gerne ein.

Ihr Lieben alle,

nach langer Zeit sollt Ihr mal wieder was von der Elfi im fernen Madagaskar hoeren bzw. lesen.

Im grossen und ganzen geht es mir hier und meinen Mitarbeitern gut, auch wenn die Baeume nicht in den Himmel wachsen (aber wo tun sie das schon).

Zwar wird hier inzwischen viel von Erneuerbaren Energien geredet, aber es fehlen doch noch ein paar Voraussetzungen, um damit auch Geld verdienen zu koennen. Dieses Jahr wurde zwar der Einfuhrzoll reduziert und die MWST. fuer Solarmodule auf Null gesetzt, aber dafuer hat sich der Preis fuer Solarbatterien aufgrund der gestiegenen Preise fuer Blei um fast 50 % (!) erhoeht. Dazu kommt ab Januar die Erhoehung der MWSt. von 18 auf 20 %, und die um 15 % gestiegene Rechnung der JIRAMA.

Unsere grosse Solaranlage reicht zwar, um 2 Laptops ueber etwa 10 Stunden taeglich zu betreiben, aber Waschmaschine, Buegeleisen usw. laufen ueber das oeffentliche Stromnetz.

Um die Sache etwas voranzubringen, haben wir dieses Jahr hier in Mahajanga die „1. Ausstellung fuer Erneuerbare Energien und Umwelt in der Region Boeny“ organisiert, mit ueber 30 Staenden. Unter dem nachstehenden Link findet Ihr einen Bericht von Gaelle und Franck, zwei jungen franzoesischen Weltreisenden in Sachen Aufklaerung zum Klimawandel, die uns in der Woche vor und auch waehrend der Expo hilfreich zur Seie standen (mit vielen Fotos): www.quand-agiras-tu

Die Vorbereitungen der Expo haben unsere Firma quasi fuer 4 Monate still gelegt – wir waren rund um die Uhr damit beschaeftigt. Mit dem Zeitaufwand, mit dem man hier eine solche Veranstaltung organisiert, koennte man in Europa locker drei machen: bis zu 12mal mussten wir manche Antraege nachverfolgen.

Das heisst, jedesmal muss jemand in persona erscheinen und etwa eine Stunde warten, bis er dran kommt. Wenn er Glueck hat, wird er nicht wieder weggeschickt. Leider war die Stadt Mahajanga mehrere Wochen ohne Buergermeister und Chef de Région und die Etage drunter daher heillos ueberlastet, was die Sache nicht vereinfacht hat.

Aber letztendlich war es ein Riesenerfolg, Teilnehmer und Besucher waren begeistert von der „Location“ – einer Strasse neben der Alliance, die direkt auf den „Bord de la Mer“ fuehrt, mit abendlicher Aussicht auf den grandiosen Sonnenuntergang ueber der gegenueber liegenden Halbinsel Katsepy, wo die Sonne hinter dem kleinen Windrad von Solarmad – dem Symbol der Ausstellung – im Meer versank.

Von Solarsystemen ueber Solarkocher (4 Staende!), Windenergie, Jatropha/Biodiesel, Kompostierung, Reforestierung, alternative Energien fuers Kochen (hier wird ja zu ueber 80 % mit Holzkohle gekocht – Gas ist fuer die meisten unerschwinglich und wird auch als gefaehrlich angesehen), Naturschutzprojekten, einem Verein fuer Abfallaufklaerung und dem Nationalpark Ankarafantsika war die ganze Bandbreite vertreten, was unser Ziel gewesen war.

Wir haben davon eine Video CD produziert mit 20 Minuten Reportage und den 1:30 min, die M3TV von der Eroeffnung in den Lokalnachrichten gesendet hat, auf der auch alle Ankuendigungstrailer usw. sind. Mit deren Verkauf haben wir wenigstens ein bisschen was eingenommen, denn der Ueberschuss der reinen Einnahmen/Ausgaben betrug genau 100.000 Ariary – knapp 40,- Euro.

Ich hatte mir ein neuartiges Sponsoringkonzept ueberlegt auf der Basis von „Parrainage“: Ein grosser bezahlte einem oder zwei „kleinen“ (Vereinen, Verwaltung o.ae.) den Stand, so dass auch Organisationen, die finanziell nicht so gut gestellt waren, eine Chance hatten, ihre oft sehr engagierte Arbeit einem grossen Publikum vorzustellen. Besonders haben davon profitiert ein Verein, der die biologisch abbaubaren Abfaelle von der Stadt bekommt und daraus Komposterde macht und verkauft, und der Club Vintsy des Gymnasiums Philibert Tsiranana (Praesident der 1. Republik Madagaskars), mit dem wir anschliessend auch eine Pilotsendung ueber Solarkocher fuer eine TV-Umweltreihe gedreht haben.

Der „Kompostierungs-Verein“ „Tanana Madio“ (saubere Stadt) hatte einen geradezu hinreissenden Stand dekoriert – mit Abfaellen im Zersetzungszustand in einem Glaskasten, vielen Pflanzen – mal mit, mal ohne Kompost gezogen, damit man den Unterschied sieht – und handgemalten Postern, die man fast schon als naive Malerei betrachten kann.

Ich hatte angeregt, dass die „Patenkinder“ ihren Sponsoren auf der Buehne zum Dank ein kleines Geschenk uebergeben – einen Sack Komposterde, eine Pflanze, Zeichnung usw.

Ueber einen Monat lang war ich hoechstpersoenlich ueberall „hausieren“ gegangen, um Sponsoren zu finden, was ein aeusserst muehseliges Geschaeft war. Die Grossen (Telekommunikation, Lebensmittel- und Getraenkekonzerne usw.) haben nur Agenturen in Mahajanga und leiteten alles zur Zentrale nach Tana, von wo nie eine Antwort kam.

Allerdings sind gerade im August – der Ferienzeit (von der wir natuerlich auch profitieren wollten) – sehr viele Veranstaltungen am „Bord de la Mer“, z.B. die Rallye, die auch alle Sponsorengelder haben wollen. Und da man MADASOLEIL noch nie eine Ausstellung hat organisieren sehen, wollte man sich wohl auch nicht gleich finanziell engagieren.

Und so hatten wir letztendlich nur drei, die uns bereits als zuverlaessigen Partner kannten: das von der gtz finanzierte Reforestierungsprojekt GreenMad, der von der kfW finanzierte Nationalpark Ankarafantsika und die Tabakfirma SOCTAM, fuer die wir schon ihre Solarsysteme in der „Brousse“ gewartet haben.

Aufgrund der guten Resonanz haben wir geplant, das Ereignis in zwei Jahren wieder hier zu veranstalten. Wir haben natuerlich eine Menge dabei gelernt und wissen jetzt, was man besser sein laesst und wie man es angehen sollte.

Immerhin hatte die Ausstellung einen grossen Werbeeffekt fuer uns: Wir haben seitdem mehrere Solarsysteme und -kocher verkauft bzw. installiert und sind nun noch etwas bekannter als vorher.

Da unser groesster Auftraggeber, die gtz Santé, Ende des Jahres ihre Pforten in Mahajanga schliesst und wir nach 4 Monaten unentgeltlicher Expo-Vorbereitungen auch mal wieder etwas Geld verdienen wollen, sind wir gerade dabei, Trailer von unseren Dokus zu machen. Die will ich dann ins Netz stellen, um Kunden ausserhalb Madagaskars anzusprechen. Wir haben Anfang des Jahres erstmals Videomaterial an die Nachrichtenagentur Reuters in Nairobi geschickt, die daraus einen 6-Minueter schnitt.

Leider ist der Aufwand dafuer groesser als wenn wir den Beitrag selber fertig machen: Da sie die Beitraege selber schneiden wollen, schickt man ihnen vorgeschnittenes Rohmaterial („the best of“ sozusagen) mit jeder Menge schiftlichen Infos und den Uebersetzungen saemtlicher Interviews aus dem Madagassischen.

Aber da sie das weltweit anbieten, ist es nicht uninteressant.

In bezug auf alles, was mit Entwicklung zusammenhaengt, tut sich hier eine ganze Menge: Ende naechster Woche fahre ich nach Tana zum Salon „Alternatives“, wo ich einen Vortrag ueber den „social entrepreneur“ MADASOLEIL halte. So eine Messe ist immer wichtig fuer Kontakte, denn hier in Mahajanga ist es zwar sehr schoen, aber man ist manchmal etwas weit ab vom Schuss, denn die wichtigen Dinge spielen sich alle in Tana ab.

Besuch hatte ich dieses Jahr auch – eine Schulfreundin vom Gymnasium in Karlsruhe mit ihrem Freund, die ich seit 30 (!) Jahren nicht gesehen hatte! Die beiden sind regelrechte Weltreisende, aber dass wir es in Deutschland 30 Jahre lange nicht geschafft haben, uns zu treffen und dann gelingt es uns ausgerechnet in Madagaskar!

Auch meine madagassische Freundin Noro aus Tana kam – mit vier halbwuechsigen Maedels. Und alle leider ausgerechnet in der heissesten Phase vor der Ausstellung, so dass wir relativ wenig voneinander hatten – schade!

Ein bisschen einsam ist es manchmal doch hier – die Madagassen haben alle ihre Grossfamilien, die Franzosen, die mit dem Gehalt eines Expatrié am Lycée Français oder als Fuehrungskraft in einer franzoesischen Firma hier recht fuerstlich leben koennen, laden sich gegenseitig staendig zu kostspieligen und luxurioesen Essen mit einer grossen Auswahl edler Tropfen ein. Da kann ich nicht mithalten – zumal ich abends keine Hausangestellte habe und erst um 18 Uhr mit dem Kochen auf einem kleinen Gaskocher anfangen koennte (ich kann Gas immer noch nicht leiden – mir verbrennt einfach alles! Dabei behaupten manche Leute doch tatsaechlich, mit Gas koennen man besser dosieren!!!???!!!).

Aber am Samstag bin ich hier zu einem Salsakurs an der Alliance Française gegangen und habe zwei Stunden lang abgehottet. Das war richtig klasse! Die Alliance Française bietet hin und wieder ganz interessante Kurse an, und da ich mich staendig mit Vololona wegen irgendwelcher Formulierungen kabbele, werde ich mich Anfang Januar zu einem Franzoesisch-Perfektionierungskurs einschreiben – nachdem sie den auch gerade gemacht hat. Im Laufe der Jahre schleifen sich doch manche Fehler ein, und in afrikanischen Laendern pflegt man ein sehr „koloniales“ Franzoesich mit unglaublich komplizierten Floskeln – vor allem in Behoerdenbriefen.

Deutsche gibt es hier nun ueberhaupt keine mehr ausser mir, nachdem Dieter, der Projektleiter der gtz, Ende des Jahres mit seiner Familie nach Malawi geht. Es fehlt mir sehr jemand auf gleicher Augenhoehe – eine gute Freundin zum vertrauensvollen Quatschen oder jemand fuer gemeinsame Unternehmungen, manchmal auch jemand, mit dem ich die Firma betreffende Dinge besprechen koennte.

Madagaskar ist komplett „familienbezogen“ organisiert – fuer Singles ueber 30 gibt es Null Angebot. In den wenigen Kursen ist man meist mit erheblich Juengeren zusammen, zu kulturellen Veranstaltungen und Familienfesten sieht man nur Ehepaare und Freundesgrueppchen, und in Projekten hat man ja automatisch Kollegen. Und so beschraenken sich die Leute, mit denen ich naeher zu tun habe, auf zeitlich befristete Bekanntschaften – z.B. auf Consultants oder Studenten, die fuer ein paar Monate in einem Projekt oder Verein arbeiten. Leider habe ich fuer dieses Problem noch keine Loesung gefunden.

Aber vielleicht ist das ja eine Anregung fuer Euch, mal hier Urlaub zu machen?

Ein Gaestezimmer steht schon fuer Euch bereit, mit Moskitonetz. Zur Not koennen hier bis zu 5 Leute gleichzeitig zu Besuch schlafen – Platz ist genug.

Bis dahin gruesse ich Euch alle sehr herzlich aus der Sonne, wo es langsam heiss wird (die Regenzeit naht).

Lasst mal was von euch hoeren, ich freue ich total ueber JEDE auch noch so klitzekleine Nachricht.

Eure Elfi aus dem schoenen Mahajanga

Kontakt

MADASOLEIL SARL – Technique solaire et Production vidéo
Villa Tantely II, Montée du Rova, Rue du coteau
401 MAHAJANGA, Madagascar
Tel.: (00261 20) 62 248 14
Mobil: (00261) 33 1408 220
Site web: www.madasoleil.com
Mail: madasoleil_sarl@moov.mg elfilitt@gmx.de

[Update] Jetzt steht auf der Website vom Jetztwerk der Bericht von der Expo auf deutsch mit Fotos aus Mahajanga: Erfolgreiche Messe. Mit den letzten sonnigen Gruessen, bevor die Regenzeit mit 1.001 Schnecken ueber uns hereinbricht… Elfi

2 Kommentare zu “Post von MADASOLEIL”

  1. […] Liegt hier der Schlüssel für die Lösung der fortschreitenden Abholzung in Madagaskar? Nur wenige Familien können sich die Investition in einen Solarkocher überhaupt leisten. Funktioniert gut beim Brot- oder Kuchen Backen. Das von den Madagassen so geliebte Holzkohlenfeuer Aroma des allgegenwärtig gekochten Reises schafft das Gerät natürlich nicht. Solange es noch Holzkohle zu bezahlbaren Preisen gibt, ist diese handlicher und besser unter den Töpfen zu organisieren. Und kein Lausbub kann mit einem Steinwurf die Küche lahmlegen. Mehr im Brief aus Mahajunga. […]

  2. […] Liegt hier der Schlüssel für die Lösung der fortschreitenden Abholzung in Madagaskar? […]

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